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IN NEUZELLE sind alle herzlich willkommen – das sieht man in diesem schönen Artikel aus der MOZ von Jörg Kotterba → vom 7. Februar 2016:

„Seelsorge ist keine Einbahnstraße“

Neuzelle (MOZ) Irakische und syrische Asylbewerber aus Berlin Marienfelde besuchten am Sonnabend die katholische Kirchengemeinde in Neuzelle und ließen sich gemeinsam landestypische Gerichte schmecken.

Der Duft von Kubba-Fladen, gefüllt mit Mandeln, Rosinen und Gewürzen, liegt in der Luft. Auf den mehrere Meter langen Tisch im Neuzeller Pfarrhaus am Stiftsplatz kommen auch Hackfleischspieße, Kabab genannt. Dolma darf nicht fehlen. Das sind Weinblätter, in denen Zwiebel- und Auberginen-Stückchen, Reis, Fleisch und Gewürze stecken.

Es sind annähernd 50 Iraker und wenige Syrier, die am Sonnabend von Berlin-Marienfelde mit einem Bus nach Neuzelle rollen – im Gepäck Selbstgekochtes und Gebackenes und jede Menge guter Laune. „Einige von uns sind Kriegsflüchtlinge, konnten erst vor wenigen Monaten vor der Terrormiliz IS fliehen und haben im Aufnahmelager Marienfelde und in der nahegelegenen katholischen Kirchengemeinde Vom guten Hirten ein neues Zuhause gefunden“, erzählt Ragheed Mikha in einem fast perfekten Deutsch.

Der 36-jährige Iraker lebt schon über Jahre in der Hauptstadt und gehört – wie seine Landsleute – der chaldäischen Gemeinde Berlin an, eine Zweigstelle der größten christlichen Kirche im Irak.

Mit Blick auf den prall gefüllten Tisch im Pfarrsaal erklärte Mikha, der in einer Catering-Firma arbeitet: „Essen spielt in unseren Familien eine wichtige Rolle. Die irakische Küche ist sehr vielseitig und durch die wechselvolle Geschichte meines Landes sehr beeinflusst.“

Ragheed Mikha war es, der vor Jahren bei einer internationalen Wallfahrt nach Neuzelle das Katholische Pfarramt Maria Virgo und damit Pfarrer Ansgar Florian kennenlernte. „Ragheed hatte schon im alten Jahr Pläne geschmiedet, womit er vor allem den neuen Mitgliedern seiner Gemeinde eine Freude machen könnte. Er nahm Kontakt mit uns auf“, informierte der Gastgeber, ein 53-jähriger groß gebauter Mann mit Herz. In seinem Pfarrhaus lebt eine sechsköpfige syrische Flüchtlingsfamilie. Florians Motto: „Seelsorge ist keine Einbahnstraße. Ich bekomme viel vom Menschen zurück.“ Rund 500 Katholiken zählt seine Pfarrei. Der Gottesdienst ist gut besucht.

Seit Juni 2006 leben die ersten Kriegsflüchtlinge aus dem Irak in der Aufnahmeeinrichtung für Aussiedler in Marienfelde. Ein geschichtsträchtiges Gelände, auf dem einst 1,35 Millionen DDR-Flüchtlinge sowie 96 000 Aus- und Übersiedler ihre erste Unterkunft im Westen fanden. Mikha erinnert sich, dass vor wenigen Jahren Erzbischof Jean Sleimann von Bagdad, Oberhaupt der katholischen Christen, in seiner Gemeinde zu Gast war.

Nach einer Führung durch die Kirche Vom Guten Hirten traf man sich zu einem Erfahrungsaustausch über die Berliner Caritas-Migrationsarbeit. Mikha: „Irakische Mitglieder unserer Gemeinde, anerkannt als Flüchtlinge, gaben Erfahrungsberichte aus der Sicht Betroffener. Der Grundtenor: Wir fühlen uns gut aufgenommen.“ Ein anderer Landsmann, Antoin, berichtet am Rande des Neuzeller Festes von einem Dialog, den er kürzlich mit einer jordanischen Franziskanerin führte. Sie betreut in Berlin irakische Flüchtlinge und meinte, dass die Iraker außerhalb ihres Landes niemals glücklich sein könnten. „Ich erwiderte: Das stimmt vielleicht. Aber dass wir hier in Deutschland sicher sind und leben können, ist viel, viel wichtiger.“