„Der Glaube ist ein Geschenk“

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Artikel vom 08. Januar 2018 in der MOZ→ von Janet Neiser.

PFARRER MARTIN GROSS LOBT 200 JAHRE NACH DEM ERSTEN EVANGELISCHEN GOTTESDIENST IN NEUZELLE DAS MITEINANDER DER KONFESSIONEN

200 Jahre nach dem ersten evangelischen Gottesdienst in Neuzelle sind evangelische und katholische Christen in der Pfarrkirche vereint.
200 Jahre nach dem ersten evangelischen Gottesdienst in Neuzelle sind evangelische und katholische Christen in der Pfarrkirche vereint.© Foto: MOZ/Janet Neiser

 

Neuzelle (MOZ) Mit einem Festgottesdienst hat die evangelische Gemeinde in Neuzelle an den ersten evangelischen Gottesdienst im Ort vor 200 Jahren erinnert. Janet Neiser sprach mit Pfarrer Martin Groß über Kirche, Glauben und Mitgliederschwund.

 

 

Herr Groß, welche Bedeutung hat die evangelische Kirche für Neuzelle?

So wie das Kloster Neuzelle heute aussieht, würde es nicht aussehen, wenn es die evangelisch Kirche nicht geben würde. Die Umgestaltung des gotischen Klosters in eine prächtige barocke Anlage ist im Grunde eine Antwort auf die Reformation. Man wollte den Menschen eine Ahnung davon geben, was sie erwartet. Die Kirche ist nicht nur Versammlungsraum, sondern soll ein Spiegelbild des Himmelreich Gottes darstellen. Der Christ, der in die Kirche kommt, sollte sehen, wie das Paradies aussieht. Wenn man in dieser reizarmen Welt damals in einen so prächtigen Raum gekommen ist, das muss unglaublich gewesen sein. Das hat beeindruckt.

Beeindruckt es die Christen noch immer?

Nicht mehr so, dass sie sagen, jetzt weiß ich, wie es im Himmel ist. Da ist ein gewisser Abstand da. Aber es ist eine Situation, die zur Andacht und zum Staunen einlädt, die Menschen das Gefühl gibt, dass da ein Unterschied ist zwischen der Welt des Alltags und dem Raum, den sie betreten haben. Und selbst der, der nicht christlich geschult ist, bekommt eine Ahnung davon, was heilig ist. Unsere Hoffnung ist, so zum Gespräch einzuladen. Wir wollen ein Angebot machen, das wir als Christen zu machen haben, das Evangelium – also die gute Botschaft – zu verkünden.

Nicht nur große Parteien und Vereine leiden unter Mitgliederschwund – auch die Kirche. Wird weniger geglaubt?

Das ist ein Phänomen, dass Menschen sich aus großen Gruppen zurückziehen. Darüber kann man traurig sein. Aber daraus zu schlussfolgern, dass die Menschen weniger gläubig sind, das ist sicherlich falsch. Man kann sagen, wir erreichen die Menschen mit unserer guten Botschaft nicht mehr, das mag richtig sein. Aber wenn man genau hinschaut, sieht man, dass die Menschen nach wie vor suchend sind. Sie suchen bloß überall – in anderen Religionen, in esoterischen Gruppen, in halbreligiösen Welten. Da weht uns der Wind entgegen und da müssen wir mit unserer Botschaft eben überzeugen. Der Glaube aber ist ein Geschenk. Und darüber zu befinden, wie dieses Geschenk verteilt wird, das ist nicht unsere Aufgabe.

Wie groß ist die evangelische Gemeinde Neuzelles?

Inzwischen gehören viele Dörfer zur Neuzeller Gemeinde. Wir fangen in Ratzdorf an und hören in Henzendorf auf. Das sind insgesamt 15 Orte. Darunter leiden natürlich auch die Dörfer, weil die Präsenz des Pfarrers nicht mehr so gegeben ist. Aber die wirtschaftlichen Zwänge diktieren letztlich, was machbar ist. Und machbar ist in unserer Landeskirche eine Gemeinde nur dann mit einem Pfarrer, wenn mindestens 1000 Gemeindeglieder da sind. Hier ist das gegeben.

Ist Neuzelle gläubiger als andere Orte in Brandenburg?

Grundsätzlich würde ich nie sagen, einer ist gläubiger als der andere. Was ich sagen kann ist, gibt es mehr Menschen, die sich zur evangelischen oder katholischen Kirche zugehörig fühlen als an anderen Orten. Und da ist es so, dass der Ort Neuzelle schon ein Stück weit etwas Besonderes ist. Insgesamt ist es aber so, je kleiner der Ort umso mehr Menschen sind Mitglieder der Gemeinde, weil die Kirchegemeinde da nochmal anders erlebt wird. Je größer ein Ort ist, desto anonymer ist er.

Wie kam es, dass eine katholische Kirche vor 200 Jahren plötzlich der evangelischen Gemeinde als Gotteshaus diente?

Der ganze Weg ist sehr speziell. Seit der Reformation gibt es evangelische Christen hier. 1817 hat der preußische König Friedrich Wilhelm III. dann gesagt: Ich säkularisiere dieses Kloster. Das heißt, es hört auf, ein Kloster zu sein. Und er gründete eine Stiftung. Wenn aber keine Mönche mehr da sind, dann brauchen sie auch keine eigene Kirche mehr, dann sind nicht mehr zwei Kirchen notwendig. Er hat gesagt: Eine Kirche ist notwendig, um die katholische Gemeindearbeit zu leisten, und zwar die ehemalige Kirche der Mönche. Und die, die übrig ist, die bekommt die evangelische Gemeinde. Den Katholiken wurde vom preußischen König Anfang des 19. Jahrhundert also eine Kirche weggenommen. Er war ein frommer und politischer Mensch. Was ihn bewogen hat, diese Säkularisierung durchzuziehen, das weiß ich nicht. Ganz sicher ist es nicht geschehen, weil er sich an Besitztümern des Klosters bereichern wollte, denn die sind ja in die Stiftung übergegangen.

Wo beteten die evangelischen Christen vorher?

In der Wellmitzer Kirche. Die ist Mitte des 19. Jahrhunderts abgebrannt, wurde neu aufgebaut. Aber seit 1818 sind 200 Jahre vergangen: Die Menschen, die zur Gemeinde gehören, identifizieren sich mit der Neuzeller Kirche. Das war anfangs gewiss anders. Auch in der katholischen Gemeinde gab es sicherlich Groll. Inzwischen funktioniert das Miteinander der verschiedenen Konfessionen wirklich gut. Wir sind alle Christen: Man kann Trennendes im Blick haben oder das Gemeinsame in den Lichtkegel stellen.