„Expansion im Habit“

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Artikel vom 22. Februar 2018 in der Wiener Zeitung → von Mathias Ziegler:

Wien. Es muss nur noch eine adäquate Unterkunft gefunden und hergerichtet werden, dann kann in Neuzelle ein neues Kapitel aufgeschlagen werden. In dem kleinen Ort an der deutsch-polnischen Grenze prüfen gerade vier Zisterzienser aus dem Stift Heiligenkreuz im Wienerwald eine dauerhafte Wiederbesiedelung des traditionsreichen Klosters gut 200 Jahre nach dessen Schließung durch den preußischen Staat.

Einstweilen dient als Übergangslösung das örtliche Pfarrhaus, das allerdings auf Dauer zu klein wäre. Brandenburgs Kulturministerin Martina Münch hat den Zisterziensern das ehemalige Verwaltungsgebäude des Klosters angeboten. Dieses beherbergte bis 1993 ein Priesterseminar der ostdeutschen Bistümer, aktuell sind dort eine Musikschule und die Forstverwaltung untergebracht, die übersiedeln müssten.

Dass die Behörden den Mönchen aus Österreich entgegenkommen wollen, passt ins Bild. Die Zisterzienser wurden auch von der Bevölkerung freundlich aufgenommen und gehören inzwischen – vor allem durch ihr Engagement in der Gemeindeseelsorge und beim Religionsunterricht – bereits zum Ortsbild von Neuzelle, wie zu erfahren ist.

Neugründungen und Außenstellen in aller Welt
Auch wenn die Neugründung eines Klosters, noch dazu im Ausland, inzwischen Seltenheitswert hat, so hat eine Nachfrage beim Medienbüro der Ordensgemeinschaften Österreich ergeben, dass „die Orden an sich unglaublich international sind; da geht es hin und her, das glaubt man kaum“, so Medienbüroleiter Ferdinand Kaineder, der selbst vom Ergebnis seiner internen Recherchen dazu überrascht ist.

Nicht nur die Zisterzienser – deren Mitbruder Pater Johannes Paul Chavanne übrigens gerade als Olympia-Kaplan in Pyeongchang weilt – haben ein internationales Netzwerk. Auch die Steyler Missionsschwestern berichten etwa von einer Neugründung in Athen, an der eine Schwester aus Österreich beteiligt war. Und vorigen Herbst wurde eine Niederlassung der Steyler Missionare in der Pariser Vorstadt ausgeweitet.

Der Verein Solwodi (Solidarity with women in distress), eine Gruppe österreichischer Ordensfrauen, die sich für weibliche Opfer von Menschenhandel, sexueller Gewalt und Ausbeutung einsetzt, weitet sich unterdessen gerade nach Ungarn aus. „Das geht vorwiegend auf die Salvatorianerinnen zurück, ist aber ein gemeinsames Anliegen der Frauenorden in Österreich“, berichtet Kaineder.

Ordensleute beteiligen sich auch an Europa-Dialog
Pater Josef Vösl von den Salesianern Don Boscos wiederum berichtet, dass „wir zwar keine Klöster haben und deshalb auch keine Töchterklöster gründen, aber vor etwa 25 Jahren in Ghana ein Salesianerwerk gegründet haben, das inzwischen schon ‚herangewachsen‘ ist und auch weitere Gründungen nach sich gezogen hat“. Anfangs wurde das Werk auch finanziell unterstützt, „jetzt ist es schon selbständig geworden“.

Etwas jünger ist eine Gründung der Marienschwestern vom Karmel in Linz in Uganda aus dem Jahr 2002, während die Franziskanerinnen von Vöcklabruck eine Außenstelle in Kasachstan betreiben. Bei den Tertiarschwestern des heiligen Franziskus in Hall in Tirol wiederum hat deren Provinz in Kamerun eine Neugründung in Mailand durchgeführt, berichtet Schwester Gertrud Schernthanner. „Das ist der umgekehrte Weg.“

Auch die Steyler, die in 48 Ländern der Welt tätig sind, haben Mitglieder in Afrika im Einsatz. „In Uganda leben nun einige Schwestern von uns. Sie kümmern sich dort im großen Flüchtlingslager um Menschen aus dem Südsudan, wo wir derzeit nicht hinkommen, weil wir keine Visa bekommen“, so Schwester Christa Petra von der Steyler Missionsprokuratur. Ein anderes Flüchtlingsprojekt spielt sich direkt vor der Haustür ab: Die UISG (Internationale Vereinigung von Generaloberinnen) ist auf Sizilien aktiv.

Auch auf EU-Ebene engagieren sich die heimischen Orden. So bekräftigte Beatrix Mayerhofer, die Vorsitzende der Vereinigung der Frauenorden, jüngst den Einsatz für die Europäische Integration, die „über die Grenzen der EU hinausgehen“ müsse. So haben am Dialog „(Re)thinking Europe“ im Vatikan mit Papst Franziskus vergangenen Oktober auch viele Ordensvertreter teilgenommen.

Internationale Kooperation, aber auch massive Rückgänge
Es ist aber nicht alles rosig. Insbesondere Frauenorden beklagen teils massiven – mitunter sogar existenzbedrohenden – Mitgliederschwund. Kaineder sieht hier „ein Zusammenrücken – Gemeinschaften und Provinzen werden wegen des teilweise geringeren Nachwuchses zusammengelegt“. Dabei werden oft auch Noviziate weltweit gemeinsam gestaltet. „Das wird auch positiv gesehen, weil es der Vereinzelung entgegenwirkt.“ Einige ausgewählte Zahlen dazu sprechen für sich: Von den 105 Frauenorden in Österreich haben 58 keine Schwestern unter 40 Jahren. Und 32 der 87 Männerorden haben weniger als zehn Mitglieder.

Es gibt aber auch positive Entwicklungen. So haben etwa die Franziskanerinnen in Vöcklabruck, die Benediktinerinnen der Anbetung in Wien, die Schwestern von Bethlehem auf der Kinderalm (Salzburg) und die Missionsschwestern Königin der Apostel in Wien besonders guten Nachwuchs.

Die schwierige Situation mancher Orden ist auch dem Papst bewusst. So hat Franziskus, selbst ein Jesuit, vor kurzem in einer Predigt zu Ordensleuten gesagt: „Was ihr lebt, wird von der Welt verachtet, denn in der Gesellschaft geht ihr gegen den Trend.“ Denn der moderne Lebensstil lehne die drei spezifischen Gelübde der Ordensleute ab: Armut, Keuschheit und Gehorsam.