„Kloster Neuzelle: Neugründung vor dem Durchbruch“

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Artikel vom 19. Januar 2018 auf katholisch.de→ von Steffen Zimmermann:

Vier Mönche aus dem Stift Heiligenkreuz prüfen seit August eine dauerhafte Wiederbesiedelung des Klosters Neuzelle. Auf dem Weg dorthin scheint die größte Hürde nun aus dem Weg geräumt zu sein.

Er gehört fast schon wieder zum Alltag in Neuzelle: der schwarz-weiße Habit der Zisterzienser. Getragen wird er von vier Mönchen aus dem österreichischen Stift Heiligenkreuz. Sie leben seit Ende August in dem kleinen Ort an der deutsch-polnischen Grenze, um 200 Jahre nach der Schließung durch den preußischen Staat eine dauerhafte Wiederbesiedelung des traditionsreichen Klosters zu prüfen.

Der Neustart in Neuzelle fand von Anfang an weit über die Region hinaus Beachtung. Schließlich sind Neugründungen von Klöstern in Deutschland inzwischen die absolute Ausnahme – noch dazu im östlichen Brandenburg, einem weitgehend entchristlichten Gebiet, in dem die Kirche sonst fast nur noch auf dem Rückzug ist. Wohl auch deshalb wurde die Ankunft der Mönche von der örtlichen Bevölkerung und den Katholiken in der Region im Sommer mit großer Freude aufgenommen. Die Brüder sind seitdem beinahe schon ein selbstverständlicher Teil Neuzelles geworden. Neben ihren regelmäßigen Gebeten in der Klosterkirche engagieren sie sich in der Gemeindeseelsorge und halten Religionsunterricht in der örtlichen Grundschule.

Klappt die geplante Wiederbesiedelung?

Doch bei aller Euphorie: Bislang – darauf weisen auch die Mönche selbst immer wieder hin – ist noch nicht sicher, ob die geplante Wiederbesiedelung des Klosters tatsächlich auf Dauer gelingt. Diese Zurückhaltung hat einen guten Grund, schließlich sei eine Klostergründung „wahrlich kein unkomplizierter Prozess“, betont Pater Kilian, einer der vier Neuzeller Brüder, im Gespräch mit katholisch.de.

Doch die Chancen, dass die Zisterzienser wieder Wurzeln in Brandenburg schlagen können, sind seit einigen Tagen zumindest deutlich gestiegen. Denn in der wohl schwierigsten Frage – der nach dem dauerhaften Wohnort der Mönche – zeichnet sich inzwischen eine Lösung ab.

Bislang wohnen die vier Patres im katholischen Pfarrhaus nur wenige Meter von der Klosterkirche entfernt – eigentlich ein idealer Standort, doch auf Dauer ist das Haus zu klein. „Hier können maximal acht Personen wohnen. Dann ist der Platz aber ausgereizt“, sagt Pater Kilian. Ein „brüderliches Leben“ in „dafür geeigneten Räumlichkeiten“, wie es die Ordensregeln der Zisterzienser vorschreiben, wäre in dem Haus auf Dauer nicht möglich. Zumal die Gemeinschaft in den kommenden Jahren weiteren Zuwachs aus Heiligenkreuz bekommen soll und die Mönche auch Gäste empfangen möchten.

Kulturministerin bietet Mönchen Kanzleibau an

Kilians Mitbruder Philemon warnte mit Blick auf das Pfarrhaus bereits vor Zuständen wie in einer „Männer-WG“; das Haus sei eine Übergangslösung, „aber es müssen sich Perspektiven auftun“. Und diese Perspektiven scheint es nun tatsächlich zu geben: Am Rande des Neujahrsempfangs des Bistums Görlitz, auf dessen Gebiet Neuzelle liegt, kündigte die bandenburgische Kulturministerin Martina Münch (SPD) vor wenigen Tagen gegenüber der „Lausitzer Rundschau“ an, den Zisterziensern den so genannten Kanzleibau, das ehemalige Verwaltungsgebäude des Klosters, als dauerhafte Unterkunft zur Verfügung stellen zu wollen.

Die Ankündigung der Ministerin ist von großer Bedeutung, da sie nicht nur engagierte Katholikin, sondern auch Vorsitzende des Stiftungsrats der Stiftung Stift Neuzelle ist, der die gesamte Klosteranlage gehört. Die Stiftung hat in den vergangenen Jahren mehr als 50 Millionen Euro in den Erhalt der weitläufigen Anlage investiert und unter anderem eine Privatschule und ein Museum für die Neuzeller Passionsdarstellungen in den sanierten Gebäuden untergebracht. Im jetzt für die Mönche anvisierten Kanzleibau war bis 1993 ein Priesterseminar der ostdeutschen Bistümer untergebracht, inzwischen residieren dort eine Musikschule und die Forstverwaltung. Für sie, so räumte Münch in der Zeitung ein, müsste bei einem Einzug der Mönche nach anderen Standorten gesucht werden.

Ist der Kanzleibau also der Durchbruch auf dem Weg zu einer dauerhaften Anwesenheit der Mönche in Neuzelle? Pater Kilian ist optimistisch: „Das Kanzleigebäude bietet sicherlich für viele Jahre hinreichend Platz, damit unsere Gemeinschaft auch wachsen und Gäste aufnehmen kann.“ Zugleich betont er, dass er und seine Mitbrüder niemanden vertreiben, sondern „an diesem schönen Ort Synergien wecken“ wollten.

Bis dahin ist es so oder so aber noch ein weiter Weg. Sollte die Stiftung den Mönchen den Kanzleibau tatsächlich als Bleibe anbieten, werden bis zu einem Umzug wohl noch Jahre vergehen. Zunächst muss die Frage beantwortet werden, auf welche Weise das Gebäude den Ordensleuten zur Nutzung überlassen werden kann. In der „Lausitzer Rundschau“ brachte Ministerin Münch eine Überlassung auf Basis eines Nießbrauchs ins Spiel. Das hieße, dass der Kanzleibau im Besitz der Stiftung bliebe, die Zisterzienser aber ein dauerhaftes Nutzungsrecht bekämen. Außerdem muss geklärt werden, wer die notwendige Sanierung des Gebäudes bezahlt. Denkbar ist eine Lösung, nach der die Stiftung die noch ausstehende Außensanierung und die Kirche die Innengestaltung übernimmt.

„Ich bin von Herzen gerne hier in Ostbrandenburg“

Pater Kilian ist trotz der vielen noch offenen Fragen zuversichtlich. Ein Kloster entstehe eben nicht in ein paar Monaten, „sondern in Jahren und Jahrzehnten“, sagt der Zisterzienser. Ihm ist vor allem die Erleichterung darüber anzumerken, dass das größte Hindernis auf dem Weg zur Neugründung des Klosters nun aus dem Weg geräumt zu sein scheint. Er und seine Mitbrüder seien durchaus erleichtert, „dass nun eine Perspektive in Sicht ist“.

Dankbar ist der Pater auch für die vielfältige Unterstützung, die er und seine Mitbrüder erfahren. Vor allem die Menschen in Neuzelle hätten von Anfang an „mit ihrer herzlichen, eher unaufgeregten und ehrlichen Art“ die Herzen der Mönche erobert. „Auf rührende Weise werden wir immer wieder mit Obst, Gemüse und frischen Eiern, Fleisch oder auch mal einem großen Topf frischer Hühnersuppe versorgt“, erzählt Pater Kilian. Zum Namenstag eines Mitbruders seien die Kinder aus dem katholischen Kinderhaus zu Besuch gekommen, um ihm ein Ständchen zu singen. Wenn es nach Pater Kilian geht, darf das „Abenteuer Neuzelle“ gerne dauerhaft weitergehen. Seine Bilanz nach fünf Monaten klingt geradezu euphorisch: „Ich bin von Herzen gerne hier in Ostbrandenburg.“

Von Steffen Zimmermann