„Vorhut in schwarz-weißen Gewändern“

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Artikel in der Kirchenzeitung des Bistums Hildesheim → vom 27. Juni 2017 (KNA)

Nach 200 Jahren kommen wieder Zisterzienser nach Neuzelle: Ab Ende August leben wieder vier Mönche in dem Ort.

Die Zisterzienser sind im Kommen: In Bonn informiert ab Donnerstag eine große Ausstellung über die Verdienste des Ordens bei der Entwicklung des mittelalterlichen Europa. Die traditionsreiche Mönchsgemeinschaft ist jedoch nicht nur ein Fall für Historiker. Im ostbrandenburgischen Neuzelle bereitet sie die Wiederbesiedlung eines Klosters vor.

Rund 550 Jahre war Neuzelle südlich von Frankfurt/Oder ein bedeutender Standort der Zisterzienser. Davon zeugen heute noch der gut erhaltende Baukomplex, der jährlich rund 120.000 Besucher anzieht. Neuzelles Architektur ist das nördlichste Beispiel süddeutschen und böhmischen Barocks in Europa. Doch monastisches Leben findet seit 200 Jahren nicht mehr statt hinter den alten Mauern, die in den vergangenen Jahren für 50 Millionen Euro saniert und restauriert wurden. 1817 hatte Preußen die Anlage mit umfangreichen Ländereien verstaatlicht. Jetzt ist sie im Besitz der landeseigenen Stiftung Stift Neuzelle.

Im vergangenen Jahr bahnte sich indes eine Wende an. Vom Görlitzer Bischof Wolfgang Ipolt, zu dessen Bistumsgebiet Neuzelle gehört, kam die Initiative zu einem mönchischen Neustart in der 4.300-Einwohner-Gemeinde, die bis heute ein katholischer Wallfahrtsort in evangelischer Umgebung ist. Ipolt wandte sich an das österreichische Stift Heiligenkreuz. Entgegen dem Trend in den meisten anderen Ordensgemeinschaften hat die Zisterzienserabtei wachsenden Zulauf. Im vergangenen November gab sie grünes Licht für das Projekt.

Wiederbesiedelung bis September 2018

Jetzt nimmt es konkrete Formen an. Bis zum 28. August wollen die Ordensmänner Simeon Wester (52), Kilian Müller (40), Philemon Dollinger (37) und Aloysius Maria Zierl (27) ihren Umzug aus dem Wienerwald an die Oder erledigt haben. Sie sind die „Vorhut“ für weitere vier Ordensbrüder, mit denen ein Jahr später die Wiederbesiedelung pünktlich zum 750-jährigen Gründungsjubiläum des Klosters abgeschlossen sein soll.

An den heutigen Eigentumsrechten der Stiftung Stift Neuzelle ändert die Rückkehr der Ordensmänner in den typischen schwarz-weißen Gewändern indes nichts. „Wir akzeptieren die Besitzverhältnisse“, versichert Pater Simeon, „uns gehört hier nichts, und wir wollen niemanden vertreiben“. Zwar haben er und die anderen Mönche das uneingeschränkte Nutzungs- und Hausrecht. „Aber wir werden hier kein Brot backen, kein Bier brauen und keinen Wein anpflanzen“, kündigt der gebürtige Rheinländer an. Die kleine Gemeinschaft will in Neuzelle ein geistliches Zentrum aufbauen, das über den Ort hinaus ausstrahlen soll.

Als Prior hat Pater Simeon bereits in Heiligenkreuz ein leitendes Amt inne und wird diese Funktion auch in Neuzelle wahrnehmen. Im Mutterkloster war er überdies Dozent für Kirchenmusik der Gregorianik. Als Kantor hatte er maßgeblichen Anteil am Erfolg einer CD mit klösterlicher Chormusik, die ein breites Publikum erreichte.

Die Aufgabe des Ökonoms der neuen Neuzeller Gemeinschaft wird Pater Kilian Müller übernehmen, ein gebürtiger Hesse und studierter Diplomkaufmann. Pater Philemon Dollinger stammt aus Schwaben und hat Pädagogik studiert. Ab kommendem Schuljahr will er an der katholischen Grundschule von Neuzelle unterrichten. Der aus Bayern stammende Frater Aloysius Maria Zierl wird sich noch vor seinem Wechsel nach Neuzelle auf Dauer an den Orden binden. Er soll die hauswirtschaftlichen Aufgaben der Gemeinschaft übernehmen.

Wo sie auf dem Klostergelände dauerhaft wohnen wird, ist noch nicht geklärt. Alle geeigneten Gebäude sind bereits für museale und administrative Zwecke sowie durch eine Privatschule genutzt. Vorerst ziehen die Mönche daher in das katholische Pfarramt ein, die frühere Sommerresidenz der Neuzeller Äbte. Von dort aus müssen sie das Organisationstalent ihres Ordens erneut unter Beweis stellen.

kna