„Ein Gloria im deutschen Osten“

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Artikel vom 2. September 2018 auf faz.net → von Markus Wehner:

02.09.2018 · Im Kloster Neuzelle in Brandenburg gibt es nach 200 Jahren wieder Mönche. Die Zisterzienser wollen dort sogar noch ein neues Kloster bauen.

Pater Kilian nimmt den großen Schlüssel aus der Barockzeit, um die Hintertür zur Kirche aufzuschließen. Durch den hellen Altarraum von St. Marien geht es in die dunkle Sakristei, zugleich eine kleine Schatzkammer. Dort legt der Mönch die Kukulle an, das weiße Chorgewand. Die ganz heißen Tage sind vorbei, deswegen gibt es keine Kukullendispens mehr, also die Erlaubnis, ausnahmsweise auf das bodenlange Übergewand mit den langen Ärmeln zu verzichten. Dann geht es viele Treppen hoch hinauf ins historische Chorgestühl der Stiftskirche Neuzelle. Es riecht nach Holz und einer jahrhundertealten Geschichte. Fünf weitere Mönche laufen die Stufen hoch, es soll wie immer pünktlich losgehen.

Pater Simeon, der Prior, klopft kurz gegen das Holz des Chorgestühls, die sechs Zisterzienser, jeweils drei auf einer Seite, verharren im Gebet. Nach einem weiteren Klopfen hebt der Gesang an. Mal intoniert ein Mönch allein die lateinischen Psalmen, dann stimmen die anderen ein. Meist singen drei auf der einen Seite, dann im Wechsel die anderen drei. Es scheint, als ob das alles schon immer hier so gewesen sei. Doch sehr lange erklang kein Gesang der Mönche in der Barockkirche. Jetzt um zwölf Uhr wird die Laudes gesungen. Siebenmal treffen sich die Mönche zum Stundengebet, das erste Mal um fünf Uhr morgens, das letzte Mal um halb acht am Abend. So ist die Ordensregel.

Zweihundert Jahre nach der Säkularisierung des Klosters Neuzelle im Südosten Brandenburgs sind die Zisterzienser wieder da. Aus dem Wienerwald in Österreich, aus der Abtei Heiligenkreuz, sind sie entsandt worden. Der Bischof von Görlitz, Wolfgang Ipolt, hatte die Mönche eingeladen. Und ihr Konvent, die Gemeinschaft aller Mönche, hat mit 90 Prozent entschieden, sich in den deutschen Osten zu wagen. An diesem Sonntag wird das Priorat in einem Festgottesdienst feierlich neu gegründet; es fällt zusammen mit der 750-Jahr-Feier des Klosters.

Die ersten vier Mönche sind allerdings schon vor einem Jahr gekommen, als eine Art Vorhut. Pater Kilian wollte gleich dabei sein. Dreitagebart, rasierter Kopf, dunkle Hornbrille – der 41 Jahre alte Hesse aus Friedberg kommt ein wenig als Nerd im Mönchsgewand daher. Er spricht offen und gewandt, betreibt einen Blog im Netz, es gibt einen Youtube-Film über ihn, und er pflegt die Seite der Neugründung: neustart.zisterzienserkloster-neuzelle.de

Dass er einmal katholischer Mönch werden würde, daran hatte er früher nicht im Traum gedacht. Als evangelisch Getaufter ging er zwar auf ein katholisches Gymnasium in Bad Nauheim, doch mit dem Glauben konnte er wenig anfangen, das war etwas für Leute von gestern. Nach dem Studium der Betriebswirtschaftslehre in Bamberg begann er ein Zweitstudium der Kulturwissenschaften in Frankfurt (Oder), er wohnte damals in Berlin. Da er einmal eine Woche abschalten wollte, suchte er im Internet nach „Kloster auf Zeit“, reiste dafür in die Abtei Heiligenkreuz. Das war vor genau zwölf Jahren. Im Kloster habe er eine Gottesbegegnung gehabt, die sein Leben völlig änderte, berichtet er. Viele Tränen seien damals geflossen, eine große Klarheit habe er gespürt, aber auch das Gefühl, dass sein bisheriges Leben endgültig zu Ende gegangen sei. Seine Zelte in Berlin brach er umgehend ab, kehrte wenige Tage nach seiner Abreise ins Kloster zurück, um für immer zu bleiben.Vor fünf Jahren wurde er zum Priester geweiht.

Jetzt also ist Pater Kilian im Osten. Achtzig Prozent der Einheimischen bezeichnen sich hier als ungläubig. In Neuzelle gibt es unter den 2300 Einwohnern stolze 450 Katholiken, rund 20 Prozent, es ist eine katholische Mini-Enklave. Sonst sind nur zwei bis drei Prozent der Bevölkerung katholisch. Pater Simeon, 53 Jahre, hat sich auch nach Neuzelle aufgemacht. Er war Prior in der Abtei Heiligenkreuz, der zweite Mann nach dem Abt. Siebzehn Jahre lebte er dort, in einer wachsenden Abtei mit vielen jungen Mönchen. Aber er hat sofort ja gesagt, als der Abt ihn fragte, ob er nach Neuzelle gehe. „Man muss sich immer wieder aufbrechen lassen im Leben“, sagt er dazu.

Die Mönche sind in Neuzelle mit großem Hallo empfangen worden. „Es ist eine Gegend, in der alle abhauen. Die Leute haben sich schon gewundert, dass wir freiwillig hierherkommen“, sagt Pater Simeon. Als Exoten gelten die sechs, wenn sie in ihrem schwarzweißen Habit in der Öffentlichkeit auftauchen. „Wenn man etwas sieht, dass einen befremdet, dann hat man eine größere Chance, dass es etwas auslöst“, beschreibt Pater Kilian die Vorteile dieses Exotentums. In der Küche des Pfarrhauses gibt es zum Gespräch Kaffee und Pflaumenkuchen, der noch vom Rentnerfrühstück im Pfarrsaal übrig ist. Vom Osten als einer religiösen Wüste wollen die Mönche aber nicht sprechen. Er habe mehr geistliche Gespräche mit Leuten hier geführt als in Österreich, sagt Pater Simeon. Viele Leute wollten auch hier wissen, ob „mit der Holzkiste alles zu Ende ist“ oder ob danach noch etwas komme. Und viele sagten dann: „Ich glaube zwar nichts, aber schön, dass Sie da sind.“

Auch im Westen, wo sich mehr Leute noch aus Tradition zur Kirche bekennen, sei der Glaube für viele nur noch Fassade und Folklore, etwas, was zu Taufen, Hochzeiten oder Beerdigungen gefragt sei. In Neuzelle haben sich viele Bürger gefunden, die ehrenamtlich die Mönche unterstützen, ein Förderverein wurde gegründet. Viele spenden etwas, Kartoffeln, Eier, auch ein halbes Schaf, Frater Aloisius kocht etwas daraus. Nicht immer allerdings, so geben die Mönche zu, werden sie mit offenen Armen begrüßt. Wenn sie im nahen Eisenhüttenstadt in ihrem schwarzweißen Habit im Supermarkt einkaufen, dann ernteten sie auch manch unfreundliche Blicke.

Das Probejahr war persönlich nicht einfach für die Mönche. In Heiligenkreuz lebten sie in einem Kloster mit 55 anderen, dort war alles seit Jahrzehnten geregelt. In Neuzelle mussten sie in ein Provisorium ziehen, eine hellhörige Wohnung im Obergeschoss des Pfarrhauses, eine Art Mönchs-WG, auch wenn jeder sein Zimmer und sein Bad hat. „Man wird hier viel mehr mit den eigenen Grenzen konfrontiert“, sagt Pater Simeon. Einer ging zurück nach Heiligenkreuz, weil es ihm zu schwer wurde. „Entweder man verkracht sich oder man wächst zusammen“, sagt der Prior. Dass man in Neuzelle ganz normal mit dem Stundengebet weitergemacht habe, „das hat uns zusammengehalten“.

Eigentlich sollte das zukünftige Kloster im alten Kanzleigebäude der Anlage entstehen. Der langgezogene graue Bau linker Hand der Klosterpforte bietet Platz, muss aber noch denkmalgerecht saniert und ausgebaut werden. Mit der Stiftung Kloster Neuzelle war alles abgemacht, die Mönche sollten Dauergäste in der staatseigenen Klosteranlage werden. Am Montag aber verkündeten die brandenburgische Kulturministerin Martina Münch und Abt Maximilian aus Heiligenkreuz auf einer Pressekonferenz in Potsdam die Überraschung: Dauerhaft wollen die Mönche nicht auf dem Gelände des historischen Klosters wohnen. Stattdessen wollen sie ihr eigenes Kloster errichten.

Ein neues Kloster in einer Gegend, in der es kaum Gläubige gibt? Das klingt verrückt. Wer die historische Klosteranlage besucht, kann aber leicht verstehen, was die Mönche hier stört. Das Stift Neuzelle beherbergt ein Gymnasium, eine Oberschule, eine Kunst- und eine Musikschule. Im Kanzleigebäude ist gerade ein Schlagzeug zu hören. Vor allem aber ist die Klosteranlage eine Touristenattraktion, ein beliebtes Ziel für Individual- und Gruppenreisende. Selbst an einem Donnerstag sind mehrere Seniorengruppen mit Bussen hierhergekommen. Es gibt mehrere Klosterläden, ein Restaurant, das Café im Klostergarten und Museen. Die Klosterbrauerei wirbt jetzt mit den Ordensleuten („bald wieder von echten Mönchen gebraut“), auch wenn die mit der Bierproduktion nichts zu tun haben. Der Kreuzgang ist halb Veranstaltungszentrum, halb Klostermuseum, der kostenpflichtige Zutritt führt über den Museumsshop. An Sommerwochenenden ist es in der Kirche schon mal so laut, dass die Mönche um Ruhe bitten müssen, um ihr Gebet verrichten zu können. Von „Dauerbeschallung“ und einem „kulturellen Rummelplatz“ spricht Pater Simeon. „Für ein Leben in der Stille ist das schwierig.“ Zwar übernehmen die Zisterzienser auch pastorale Aufgaben, Pater Simeon hat an diesem Tag Religionsunterricht in der ersten und zweiten Klasse. Aber für den Rest des Tages brauche man eine Rückzugsmöglichkeit.

Im neu zu bauenden Kloster sollen die Mönche ihre eigenen Herren sein, jederzeit die Kirche und den Kreuzgang nutzen und Gäste empfangen können. Und sie wollen wachsen, so dass statt sechs irgendwann vielleicht drei Dutzend Mönche in Neuzelle leben könnten. Im Umkreis wird ein Bauplatz gesucht, man hat schon etwas im Blick, aber will noch nicht darüber reden. Das Bistum Görlitz will eine Million Euro geben, doch das ist nur der Anfang, man setzt auf Spenden.

In der historischen Klosterkirche wollen die Mönche dennoch weiter Gottesdienst halten, irgendwann könnten sie die Stelle des hauptamtlichen Pfarrers übernehmen. Als Verbindung zwischen dem alten und dem neuen Kloster wollen sie einen Pilgerweg anlegen. Er soll Emmaus- Weg heißen. Denn in der Stiftskirche sind über dem Altar drei weiße Figuren angebracht: der auferstandene Jesus und die Jünger von Emmaus, die nach einer gemeinsamen Wanderung den Herrn erst erkennen, als er das Brot brach.

Die Stiftskirche Neuzelle ist heute das nördlichste Beispiel des prallen böhmischen Barocks; ursprünglich war sie einmal ein schlichtes gotisches Gotteshaus. So soll auch der Neubau sein. Pater Kilian freut sich auf das neue Kloster und ist überzeugt:

„Man muss in solchen Sachen groß denken, dann wird auch etwas daraus.“